27. März 2006: Schlachtfeld NGO Arbeit – Eine Betrachtung
Non-Governmental Organisationen, oder altmodisch gesprochen Vereine, sind Institutionen, deren Arbeit in der jüngsten Zeit immer wichtiger geworden ist. Das Vereinswesen hat in Österreich eine lange Tradition und es ist relativ einfach einen Verein zu gründen. Deshalb ist die Vereinslandschaft in der Alpenrepublik sehr vielfältig und es gibt eine Vielzahl an Vereinen – größere und kleinere.
Neben Sportvereinen, Trachtenvereine gibt es nun auch Vereine, die sich z.B. dem Umweltschutz, der Wahrung der Menschenrechte etc. verschrieben haben – diese werden auch dann meist als NGOs bezeichnet. Diese NGOs versuchen nun die Ideale durchzusetzen, die sie sich selbst in ihren Statuten festgeschrieben haben. Allerdings treffen diese Forderungen in einer Wohlsstandsgesellschaft wie der unsrigen oft auf taube Ohren. Was interessiert mich eine saubere Luft, wenn ich noch atmen kann? Grund genug, dass NGO Arbeit nur für die Hartgesottenen geeignet ist, die wirklich an ihre Sache glauben.
Tatsächlich bieten NGOs eine Plattform für all diejenigen, die Ideale in einem organisierten Umfeld durchsetzen möchten und deren einzelne Stimme nicht soviel Gehör bekommen würde, wie wenn sie gemeinsam als NGO XYZ auftreten. Das Ausleben dieses Idealismus tröstet über die entgegangen finanziellen Entschädigungen hinweg, die sich ein Verein nicht leisten kann.
Das Fokussieren auf ein Spezialthema bringt es auch mit sich, dass NGOs meist zu einem Pool von Experten werden. Jahrelang beschäftigen sie sich mit einem Thema, das sie dann in der Öffentlichkeit propagieren. Manchmal treten sie in ihrer Arbeit gegen alte Gewohnheiten und etablierte Lobbys auf. Rückschläge sind vorprogrammiert und oft muss ein und das selbe Argument zigfach wiederholt werden. Oft hört man dann „Na das hamma schon vor 20 Jahren gesagt.“ Eine gewisse Frustration macht sich breit. David gegen Goliath – unüberwindbare Hindernisse. Was zu Beginn so klar für den Überzeugten aussah, muss nun dem Anderen mühsam „beigebracht“ werden.
Wenn überhaupt ist die Anzahl der bezahlten Mitarbeiter sehr gering – meist handelt es sich bei der NGO Arbeit um einen Pool von Freiwilligen. Diese Freiwilligen setzen sich oft aus verschiedenen Gruppen von Leute zusammen. Wie sich aber beobachten lässt, gibt es in NGOs bzw. Themenfelder, in denen sich NGOs engagieren sehr oft Charaktere, die überall gleich sind.
Da ist die Gruppe, die praktisch von Anfang an dabei ist. Jene Personen sind bestens mit der Materie und den Argumenten vertraut, die sie vertreten. Nichts das ihnen über den Weg läuft, ist Neu. Jeder neu Hinzukommende wird nur zu oft mit einer Lehrstunde begrüßt – sei es nun über das Thema oder die richtige Arbeit im Verein. Je länger erfahrene Personen dabei sind, desto müder wird das Lächeln, das sie dem Neuinteressenten zu werfen, wenn sie über dessen Unwissenheit erfahren. In dem Fall muss aber Unwissenheit vor Strafe schützen.
Hat der Verein ein gewisses positives Image erlangt oder scheint er ein solches Image auszustrahlen, kommt eine weitere Personengruppe hinzu – die Möchte-Gerns. Diese Möchte-Gerns möchten gern besonders clever sein. Meist gibt es unter der Oberfläche einen brodelnden Konflikt zwischen denen, die schon immer dabei waren und den Möchte-Gerns. Möchte-Gerns sind auch jene, die eine gewisse Arroganz ausstrahlen – je nach Qualifikationsgrad: je erfahrenerer der Möchte-Gern desto weniger Arroganz wird ausgestrahlt.
Manchmal ist diese Personengruppe mit einer anderen gekreuzt – diejenigen, die keine andere Plattform finden, als sich selbst zu produzieren – man kann sie auch als die Karrieregeilen bezeichnen. In Reinform streben diese Menschen immer nach Höherem in einem Verein und verwechseln diesen mit einem Großkonzern, in dem es wahnsinnig tolle Aufstiegschancen gibt. Kaum den Titel ohne Mittel erreicht, benehmen sie sich auch dementsprechend. Oft ist es auch so, dass so ein solcher ihre letzte Chance ist, genau diese imaginäre Karriereleiter zu erklimmen. Überall anders sind sie abgeblitzt. Im Endeffekt sind sie den Möchte-Gerns sehr ähnlich – weil sie möchten auch gern.
Die vierte Gruppe, die sich in einem Verein findet, sind diejenigen, die glauben ein Verein sei paradiesischer als das wahre Leben. Nur weil ein Verein die verschiedensten Ideale propagiert, muss es im Verein für sie genau so aussehen – ein fatales Missverständnis. Tatsache ist, dass sich Vereine oft wie kleine Dörfer verhalten, in denen jeder jeden kennt. Tratsch und Intrigen alas Dallas oder Denver Clan sind auf der Tagesordnung. Die drei oben genannten Gruppen kriegen sie immer wieder in die Haare, obwohl sie nach außen den Anschein machen – es ist eh alles paletti.
Zusätzlich gibt es noch die Gruppe der „Lassts-mich-in-Ruh“. Die Lassts-mich-in-Ruh sind diejenigen, die sich als Zeitvertreib in einem Verein engagieren wollen, aber sich aus vereinsinternen Geschichten herauszuhalten versuchen. Jedoch funktioniert das nicht immer, denn die Gruppen 1,2 und 3 stürzen sich zunächst auf sie – Verbündete gewinnen. Es gibt dann nur zwei Möglichkeiten für die Lassts-mich-in-Ruh: entweder vom Verein weggehen oder durchhalten bis andere kommen.
Ist nun die NGO Arbeit immer nach außen hin eine Farce? Nein, nicht immer. Es gibt aber einige Regeln, die man beachten sollte.
Ein Verein benötigt eine gute und starke Führung. Starke Führung bedeutet hier nicht, autoritäre Führung. Dies ist nicht so einfach, da es sich um Freiwillige handelt, denen man in dem Sinn nicht das Gehalt kürzen kann. Deshalb müssen andere Arten von Kompensationen her.
In dem Fall ist aber zu vermeiden, mit Titelvergaben zu arbeiten. Das ruft nämlich genau die Gruppen der Möchte-Gerns und Karrieregeilen auf den Plan. Diese sind nämlich sehr oft nur am Titel als an der Arbeit der NGO interessiert.
Die beste Kompensation für Idealisten ist, dass man ihnen das Gefühl vermittelt, dass sie mit jedem Tag, den sie bei der NGO arbeiten, ihren Teil zur Verbesserung der Welt beitragen.
Obwohl die Personaldecke in einem Verein sehr oft dünn ist, Probleme und Konflikte nie mit Kopf-in-den-Sand-stecken lösen zu versuchen. Das funktioniert nur zu einem gewissen Grad, aber irgendwann kommt alles wieder an die Oberfläche.
Betriebsblindheit vermeiden. Egal wie lange man dabei ist, man muss versuchen zu vermeiden, dass man wie die 1. Gruppe wird. Oft überschätzt man auch die Wichtigkeit seiner eigenen Person, wenn man sich in einer führenden Position befindet. Wenn was in einem Verein passiert – sagt man nicht so schön, das juckt andere so wie wenn in Chicago ein Radl umfallt.
Obwohl man für eine größere Sache kämpft, ist man selbst doch nur ein kleiner Fisch im Teich. Jedoch vergisst man diese Tatsache doch sehr oft – überhaupt wenn man sich aufgrund von Enthusiasmus oder was auch immer unendlich tief in die eigene Arbeit hineingesteigert hat.
Nicht Wasser predigen und Wein trinken. Was der Verein predigt, sollte er auch selbst leben. Kein Verein ist auf Dauer glaubwürdig, wenn er über die Wahrung von Menschenrechten und ähnlichen Idealen predigt und im eigenen Verein wird gemobbt, intregiert und was nicht alles. Intrigen und Mobbing sind keine Instrumente zur Erhaltung der Menschrechte und sicherlich keine erstrebenswerten Ideale.
Wenn die Resourcen knapp werden und einen das Wasser bis zum Hals steht. Ruhe bewahren! Nicht wie ein Haufen Ratten in einer kleinen Box beginnen, sich gegenseitig zu zerfleischen. Nur der Beste kommt durch, ist kein Motto für eine NGO.
Die Basis und die Führung. Die Basis und die Führung dürfen niemals den Kontakt zueinander verlieren. Da sich oft in der Basis die Neuhinzugekommen befinden und in den Führungsetagen, die die schon immer dabei sind, tritt oft genau das Szenario, wie bei Gruppe 1 beschrieben, ein. Und frei nach dem Motto: „Die Eltern erfahren’s immer als Letzte“ wird in der Basis kräftig intregiert, getratscht und und und. Wer ist der/die Letzte, die es erfahren alle Papas und Mamas in den Vereinen. Es ist deshalb essentiell in einem Verein ein Vertrauensbasis herzustellen. Das gelingt natürlich nur, wenn der/die Vorsitzende nicht selbst zu den Rädelsführern beim Intregieren zählen und versuchen mit verschiedensten Methoden, die Unterstützer auf ihre Seite zu ziehen, die ihnen die Wiederwahl bei der nächsten Generalversammlung sichern.
Diese Taktik kann nämlich hart gesagt, in die Hose gehen. Genau dann, wenn sich der/die Vorsitzende unachtsamerweise die Gruppe 2 und 3 in den Verein geholt hat – die Möchte-Gerns und die Karrieregeilen. Die freuen sich nur, wenn sie ihr Papa oder ihre Mama mögen. Die Möchte-Gerns und die Karrieregeilen werden zu allem Ja und Amen sagen und, im Notfall als Verbündete, am Sessel des/der Vorsitzenden sägen.
Im Endeffekt stellt sich das Schlachtfeld NGO Arbeit simpel dar – so wie man sich’s einführt, so hat man’s. Diejenigen, die in einer NGO arbeiten, sollten sich durch äußere Faktoren nicht aus der Bahn werfen lassen – wenig Geld, wenig Unterstützung anderer Art, „Konkurrenz“. Das geht am besten, wenn man sich selbst nicht zu ernst nimmt. Funktioniert’s gut, wenn nicht keine Tragödie, dann muss man eben einen anderen Weg gehen. Leute, die für die NGO arbeiten, gehören ihr nicht und müssen auch nicht den gleichen Ehrgeiz und Enthusiasmus mitbringen, wie die die schon immer dabei waren. Ein gewisser Monitoringprozess ist von Zeit zu Zeit angesagt – öfter vor der eigenen Haustür kehren. Vereine sind wie das wahre Leben, sie bestehen nur aus Menschen – egal mit welchen Idealen – die im Endeffekt zu einem Großteil ihre eigenen Interessen im Kopf haben. Für manche ist die NGO die Erfüllung aller Träume, für andere ein Weg, um irgendwann was anderes zu machen. Jeder sollte dabei seinen Platz finden können. Das Schlachtfeld NGO Arbeit ist nicht das Paradies aber auch bestimmt nicht die Hölle – es ist einfach die Erde.